Die Aaskrone

Der Tod ist nur ein Tor

„Der Tod ist nur ein Tor in ein anderes Leben“ flüsterte Artor Raspotin, der geradezu sagenhafte Mann der Mysterien, als er mit umwölkter Stirn auf die leblosen Körper seiner treuen Gehilfinnen Fedora und Nuuri herabblickte. Derart war seine Trauer, dass er eine Träne zurückzwinkern musste und für einen Moment erwog, beide posthum zu seinen Gefährten zu erklären. Doch dann fasste er sich und musterte Remeny mit ernstem Blick. „Ihre Herzen sind mein, denn ihre Aufgabe ist noch nicht beendet. Triff mich gegen Abend auf dem Platz des verfluchten Dorfes, gewandet in die Kleider der Natur“, waren seine Worte, worauf die blutige Tat getan wurde und er mit wehendem Mantel davon eilte. Als Remeny in der Dämmerung – natürlich in voller Rüstung – auf dem Dorfplatz erschien, hatte Artor dort bereits etwas gebaut – oder viel eher von herbeigerufenen Erdgeistern bauen lassen. In der Mitte des Platzes standen zwei brusthohe, grob gearbeitete Steinpyramiden mit abgeflachter Spitze. Auf jedem Podest saß ein Skelett, das aus den überall im Totendorf herumliegenden Knochen provisorisch zusammengeflickt war. Ohne Anspruch auf anatomische Korrektheit und nicht ausschließlich aus menschlichen Knochen gebaut, hatte das eine den Schädel eines Ziegenbocks, das andere einen gehörnten Rinderschädel. Die Knochen waren mit feinen Runen beschrieben und am Fuße eines jeden Skeletts war eine Schüssel aufgestellt, gefüllt mit einem wimmelnden Haufen aus fahlen Maden, gekrönt mit den noch blutigen Herzen der zwei Toten. Remeny stockte der Atem, seine Hand fuhr unwillkürlich zum Schwertgriff. Wie oft hatte er schon daran gedacht, den Hexer einfach niederzustrecken, solange er es noch konnte? Dieser war jedoch bereits damit beschäftigt, sich in Trance zu tanzen. Nur bekleidet mit einem Lendentuch schritt er immer und immer wieder die beiden Skelette ab und intonierte einen tiefen repetitiven Choral. Abseits der Szenerie döste Anastasia, die unheimliche Füchsin, im Schatten eines toten Baumes. Die Stunden verstrichen, die Nacht brach herein, über dem Platzt formte sich eine Decke aus niedrig hängenden Wolken aus denen es sanft zu regnen begann. Plötzlich und ohne erkennbaren Grund fuhr der Kopf von Anastasia in die Höhe. Sie setzte sich auf ihre Hinterläufe und betrachtete das Geschehen auf einmal mit brennender Intensität. Die Haare in ihrem Gesicht stellten sich auf und ihrer Kehle entfuhr ein leises Knurren. Es schien, als ob sie mit ihren feinen Tiersinnen das Herannahen von etwas unsichtbarem Spüren konnte, dessen Anwesenheit den weniger empfindsamen Menschen noch verborgen blieb. Eine bedrohliche Kraft, älter als die Götter der Menschen, alt wie das Land selbst, unpersönlich und erbarmungslos und doch die Quelle von allem Seienden. Ein Donner wie ein Peitschenschlag erschütterte den Platz, eher zu spüren als zu hören und ein Schatten fiel auf das Dorf. Ein grünliches Leuchten bildete sich über den Schalen. In Sekundenschnelle zerflossen die Herzen und durchtränkten die Maden darunter. Mit zuckenden schnellen Bewegungen verließ das wimmelnde Getier die Schalen und kroch über die blanken Knochen, dort bissen sich die Maden fest, zerflossen, verschmolzen miteinander und begannen neues Fleisch zu bilden. Der monatelange Prozess von Verfall und Verwesung lief innerhalb weniger Augenblicke rückwärts ab und es wuchsen zwei neue Körper von innen nach außen heran. Weiß-bläulich flackerndes Licht erhellte das Geschehen wie Wetterleuchten, als ob über der Wolkenschicht ein lautloses Gewitter toben würde. Zu hören war nur ein nervenzerfetzendes an und abschwellendes Heulen, das von überall zu kommen schien. Plötzlich ertönte ein zweiter Donner und den Zuschauern schwand kurz das Bewusstsein. Dann herrschte wieder Stille – bis auf das Geräusch des sanft plätschernden Regens. Am Rande des Platzes wand sich Artor in Krämpfen und stieß gemurmelte inkohärente Laute aus, als ob er in Zungen spräche. Anastasia leckte ihm beruhigend über die heiße Stirn. Auf den beiden Podesten, wo zuvor die toten Knochen lagen, befanden sich zwei neue, junge und vor allem lebendige Körper.
Die eine Gestalt die sich verwundert erhob, war eine menschliche Frau, die an sich auf und nieder blickte und nur langsam zu begreifen schien, was geschehen war. Als ihr klar wurde, was ein vollkommen neuer Körper und ein neues Gesicht für eine steckbrieflich gesuchte Diebin bedeutet, brach sie in Jubel aus, nur um sofort aus Gründen des Anstandes in einen blauen Umhang eingewickelt zu werden.
Die andere Gestalt war ebenfalls menschenähnlich, aber viel kleiner und zierlicher, fast wie ein Kind. Sie war gerade einmal einen Schritt groß und hatte leicht spitze Ohren. Mit dem untrüglichen Gespür eines treuen Tiergefährten kam ein Luchs auf den Platz gelaufen, steuerte ohne zu zögern auf die kleinere der beiden Gestalten zu und rieb sich an ihr, so dass diese von der Wucht umgeworfen wurde und vom Podest purzelte. Sie rappelte sich auf und blickte fassungslos die Raubkatze an, die ihr wie ein Tiger oder Löwe erscheinen musste. „Mynx warum bist du so groß? Nein halt, alles ist größer oder bin ich… Artor NEIN!“.
Der Mann der Mysterien war mittlerweile wieder zu Sinnen gekommen, stand auf, zupfte sein Lendentuch zurecht und zeigte anklagend auf Remeny. „Bedanke dich bei diesem Tugendbold. ‚Im Gewand der Natur‘ habe ich gesagt! Es ist ein altes Druidenritual. Er hat die große Mutter mit dem ganzen Blech erzürnt, das er immerzu anhat!“
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Comments

Eine andere Theorie für Nuuris neue Gestallt könnte natürlich auch sein, dass nicht genug Knochen da waren. Also statt drei Knochen für ein Arm/Bein nur einer. Da wird man schnell zu einem Halbling.

Der Tod ist nur ein Tor
 

Das ist jetzt aber sehr abwegig, auf einem Hexerkongress würde der Einwand nur Kopfschütteln auslösen. Schon realistischer ist die Vermutung, dass die Versuchsanordnung nicht bizarr genug war.

Der Tod ist nur ein Tor
Flo

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