Die Aaskrone

Das Vermächtnis des Petros Lorrimor

Gestern war in Ravengro Petros Lorrimors Beerdigung. Vor einigen Monaten erst hatte ich Petros kennengelernt, als ich ihn aus einer heiklen Lage befreite. Danach verband uns ein enges Band der Freundschaft. Er unterstütze mich in meinem Kampf gegen die Schrecken der Nacht und ich konnte vieles von ihm über die Geschichte Lepidstadts und Umgebung lernen. Doch unerwartet und viel zu früh mussten wir ihn zu Grabe tragen. – Warum Pharasma? Er hatte noch so viele Aufgaben vor sich. Bei seinem Tod kann es nicht mit rechten Dingen zugegangen sein.
Gerade noch rechtzeitig bin ich vor dem Friedhof angekommen, wo bereits ein kleines Grüppchen Leute beisammen stand. Kendra, die Tochter des verstorbenen Gelehrten, begrüßte mich und einige andere Fremde herzlich. Die anderen Gäste dieser Trauerveranstaltung schauten alle etwas unfreundlich und finster drein. Genauso war auch kurze Zeit später die Begrüßung auf dem Friedhof. Eine feindselige Menge versperrte uns den Weg – uns, die wir lediglich einem Freund, Mentor und Vater die letzte Ehre erweisen wollten. Sie meinten, Petros sei ein Nekromant gewesen, er hätte sich mit den Kräften des Bösen eingelassen. Einen solchen Unsinn überhaupt zu debattieren! Ich konnte gerade noch meine Zunge im Zaum halten. Am liebsten hätte ich gerufen, wie sie es wagen können, auf geweihtem Boden solche Unverschämtheiten zu äußern. Ich wollte sie schon vor die Tore des Friedhofs bitten, um diesen Punkt auszufechten. Ein Jüngling in edler Rüstung – ich lernte ihn als Remeny, die Hoffnung, kennen – schaffte es jedoch mit geübter Zunge, die Meute aufzulösen.
Nach der Beerdigung fanden wir uns im Hause Petros, nein, Kendra Lorrimors ein. Der ortsansässige Advokat, Stadtrat Herzberg, verlas das Testament. Neben den weltlichen Dingen gab es einige wichtige, geheimnisvolle Bücher in einer kleinen Kiste, die er uns bittet, in einem Monat zur Universität Lepidstadt zu bringen. Bis dahin sollen wir bei Kendra in Ravengro bleiben.
Für keinen von uns scheint dieser Aufenthalt in Ravengro ungelegen zu kommen, jede und jeder wird wohl eigene Gründe haben. Wir, das sind der edle Ritter Remeny, eine verschlagen dreinschauende junge Dame namens Feodora, ein etwas wirr und miesepetrig schauender Gelehrter mit komischem Dialekt, der sich Artor nennt und eine kleine Gefährtin – eine weiße Füchsin namens Anastasia – mit sich führt, die umso unschuldiger wirkt, und meine Wenigkeit.
Nachdem wir die Bücher und auch das kleine Notizbuch in der Kiste inspiziert haben, wird schon etwas deutlicher, warum Petros uns bat, hierzubleiben. Kurz vor seinem Tod war der Gelehrte wohl auf einer heißen, aber gefährlichen Spur. Der „Flüsternde Weg“ war hinter jemandem her, der im Gefängnis Harrowstone festgehalten wurde. Umso unwahrscheinlicher, dass Petros an der Ruine des alten Gefängnisses einfach in den Tod gestürzt ist.
Wir waren uns schnell einig, dass Untersuchungen vorgenommen werden sollten. Heute früh waren wir auf dem Friedhof, um Werkzeuge zur Bekämpfung von Geistern aus der „Falschen Krypta“ zu holen, so wie es Petros in seinem Tagebuch beschrieben hatte. Zuerst jedoch mussten wir noch gegen ein Skelett kämpfen, dass aus einem der Gräber entstieg. Feodora hatte es zum Glück bemerkt, bevor es uns angreifen konnte. Ein seltsamer Ort, Skelette und aufgebrochene Krypten. Jemand war also vor uns dagewesen – Petros? Bevor wir in den gespenstischen Ort eindringen konnten, mussten wir noch den rechtschaffenen Ritter von der Erlaubnis der Friedhofswärter überzeugen, die Krypta öffnen zu dürfen. Wozu bedarf es Erlaubnisse, wenn doch auf der Hand liegt, dass wir dieses Dorf vor Unheil bewahren wollen?
In die Krypta eingedrungen, mussten wir gegen zwei Riesenhundertfüßer kämpfen. Einen zerschlug ich mit meinem Schwert in zwei Teile. In einem ansonsten leeren Sarg fanden wir schließlich ein Kästchen mit allerlei Schriftrollen, Phiolen und Pfeilen. Diese galt es später zu identifizieren, was auch der Hexer und Kendra versuchten. Beide scheiterten an den Phiolen und der Magier des Ortes – so stellte sich heraus – nimmt Wucherpreise. Vorschnell in seinem Eifer öffnete Remeny eines der Gefäße: Nun wissen wir zwar, dass sie einen Inhalt haben, welcher Art jedoch, dass konnte und das seltsame Zischen auch nicht verraten. Wir sind also so schlau wie zuvor.
Als wir die Gruft wieder verließen empfing uns auch schon einer der Friedhofswärter. Seinem Gesichtsausdruck zufolge war er gar nicht erfreut, uns dort zu sehen. Umso heikler, hatten wir doch behauptet, eine Genehmigung zu haben. Feodora ist aber gewitzter, als ich dachte. Sie fand schnell eine überzeugende Antwort – doch auch diese sollte uns kurze Zeit später am Tatort der Schändung eines Denkmals eines lokalen Helden zum Verhängnis werden. Lügen haben schließlich doch kurze Beine.
Auf dem Rückweg zu Kendras Haus wurden wir an dem geschändeten Denkmal bereits vom Hilfssheriff erwartet. Obwohl wir für diese Tat verantwortlich gemacht wurden – nur weil wir Fremde sind –, konnten wir wichtige Spuren entdecken. Der kleine struppige Stadthund lag tot im Gebüsch. Mit seinem Blut war ein „V“ auf das Heldendenkmal gekritzelt. Warum sollten wir einen unschuldigen Hund ermorden?
Abends, nach einem ereignisreichen Tag, aßen wir wie gestern in der Taverne „Zum lachenden Dämon“. Heute hatte ich mich bereits etwas an den skurrilen Humor des Wirts gewöhnt. Doch was kurz darauf geschah, sollte alles Erwartete überbieten. Als gerade ein älterer Herr Geige zu spielte begann, schossen plötzlich zwei Blutmücken durch eines der Fenster und schwirrten in der Luft zum Takt der Musik. Dieser Trottel hörte jedoch vor Schreck auf zu spielen. Zum Glück konnte der Hexer die Blutmücken, die sich bereits an den Hälsen zweier Gäste festgebissen hatten, einschlafen lassen. Somit waren sie eine leichte Beute. Vielleicht hat dieses abendliche Ereignis ja die Skepsis der Bewohner dieses feindseligen Örtchens etwas beschwichtigt.

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