Die Aaskrone

Der Tod muss nicht das Ende sein

„Der Tod muss nicht das Ende sein“, sprach Artor Raspotin, der legendäre Mann der Mysterien, und starrte mit durchdringendem Blick in die Augen seiner Gefährten. In seiner rechten Hand hielt er den blutigen Dolch, in seiner Linken das noch warme Herz von Nuuri Jubari. „Trefft mich um Mitternacht auf der Lichtung der großen Eiche“ waren seine letzten Worte an die Freunde, dann eilte er mit langen Schritten Richtung Waldrand, ohne einen weiteren Blick auf den Körper der toten Waldläuferin zu werfen, dessen Brust er gerade aufgeschnitten hatte.
Als die zwölfte Stunde näher rückte, erhoben sich Remeny und Feodora Timofej und begaben sich zu dem Ort, den ihnen der Hexer gewiesen hatte. Der alte Wald umfing sie mit drohenden Schatten und bald schon hörten sie aus der Ferne Stimmen, die sich in einem Zwiegespräch befanden. Die eine Stimme gehörte ohne Zweifel Artor, obgleich sie in einer unbekannten Zunge sprach, die klang, als sei sie keine für den Menschen gemachte Sprache. Die zweite Stimme hatten sie noch nie zuvor gehört. Kalte Schauer liefen ihnen den Rücken herunter, denn die Stimme bediente sich nicht nur der gleichen seltsamen Mundart, sondern Klang zudem nicht im Entferntesten wie die eines menschlichen Wesens. Sie waren der Lichtung schon nahe, da verstummte die zweite Stimme plötzlich, als ob der Sprecher ihr Herannahen spüren konnte. Nur noch Artor war zu hören, der in tiefem Bass einen monotonen Gesang intonierte. Als sie die Lichtung betraten, bot sich ihnen ein schauerliches Bild. Der Hexer hatte in den letzten Stunden etwas gebaut. Auf dem Gras lag eine menschengroße, grob gearbeitete Puppe. Die Haut bestand aus einem Flechtwerk von kleinen biegsamen Ästen und Pflanzenfasern, das Innere war mit Erde, Steinen und Moos ausgestopft. An der Stelle, wo bei einem Menschen das Herz schlägt, war die Brust der Puppe offen und es bedurfte nicht viel Vorstellungskraft, um zu ahnen was sich darin befand. Artor schien ihr Erscheinen nicht zu bemerken. Er Schritt wie entrückt um sein Werk herum und setzten ohne Unterlass seinen Gesang fort. Auf einem Baumstumpf ganz in der Nähe saß Anastasia, die unheimliche Füchsin, die den Hexer stets begleitete und folgte mit ihrem Blick jeder Bewegung der Neuankömmlinge. Die Aufmerksamkeit des Tieres gab den Gefährten ein unbehagliches Gefühl, im Mondlicht schienen ihre Augen violett zu leuchten und wirkten wacher und intelligenter als sie es bei einem bloßen Tier sein dürften.
Remeny und Feodora ließen sich im Grass nieder und beobachteten schweigend das makabre Schauspiel. Eine Ewigkeit lang schien nichts zu passieren, der Singsang erfüllte die Nacht, die Puppe lag mit grotesk verrenkten Gliedern auf dem feuchten Grass und die Zuschauer überkam zunehmend das Gefühl, einer geschmacklosen Scharlatanerie beizuwohnen. Dann wurde es dunkel. Das Licht des Mondes verschwand so plötzlich als ob jemand einen Vorhang vor ein Fenster gezogen oder eine Kerze ausgeblasen hätte und gleichzeitig mit dem natürlichen Licht verschwanden auch die Geräusche des Waldes. Auch der Gesang war nicht mehr zu hören, stattdessen erfüllte ein Summen und Brausen die Luft, wie von einem unsichtbaren Insektenschwarm. Doch es war nicht vollkommen finster. Die unheimliche Puppe begann in einem fauligen Grün zu leuchten und erhob sich langsam und zitternd in die Luft. Einen halben Schritt über den Boden schwebend wurde das Leuchten immer stärker, bis es den Anschein hatte, als ob ein Irrlicht in dem Körper gefangen wäre. Einzelne Lichtfinger brachen wie Strahlen durch Lücken im Flechtwerk und griffen hinaus in die Nacht. Der Summton wurde immer eindringlicher und lauter. Er schien von überall zu kommen und steigerte sich ins Unerträgliche, so dass die Zuschauer sich zusammenkrümmen und abwenden mussten.
Die Erscheinung endete so plötzlich wie sie begonnen hatte. Der Mond schien wieder sanft herab und die Geräusche des Waldes kehrten zurück. Im Nachhinein konnte keiner der damals Anwesenden sagen, ob es sich um ein tatsächliches Ereignis oder eine gemeinsame Einbildung gehandelt hatte. Doch irgendwas musste tatsächlich geschehen sein, denn nicht alles war wie zuvor. Die Puppe war verschwunden. An ihrer statt lag der nackte Körper einer jungen Frau mit flammend rotem Haar im Grass der Lichtung, dessen Brust sich sanft im Takt der Atmung hob und senkte.

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Comments

Wir sollten den Zauber “Widergeburt” unbedingt um den Zusatz: “Irgendjemand, der an der Zeremonie zur Wiedergeburt beteiligt ist muss nackt sein”, ergänzen!

Der Tod muss nicht das Ende sein
 

Ich finde das toll beschrieben und auch toll ausgespielt am Tisch. Aber wenn ich mir überlege, wie ich mir eine Wiederbelebung von einem Hexer vorstelle, dann sehe ich da ein Raum voller makaberen Reagenzien (Froschaugen, Hühnerfüssen, Echsenschwänze usw.) und ein Kessel, in dem eine unheilvolle, grüne Substanz blubbert. Und natürlich ein manisch kichernden Artor. Dann flösst man den Trank der Leiche ein oder so.

Aber da bin ich wohl zu altmodisch. Ich denke heutzutage machen die Hippster Hexer einfach was gerade angesagt ist :P

Der Tod muss nicht das Ende sein
 

Artor kann zu allem sagen: “The Fox made me do it” und würde noch nicht mal Lügen!

Der Tod muss nicht das Ende sein
 

Feo versteht immer noch nicht, warum Artot Nuuris “alten” Körper vollkommen ausziehe musste, um das Herz herauszuschneiden…

Der Tod muss nicht das Ende sein
 

Um einen ungefähren Gesamteindruck von dem zu erhalten was er bauen muss…

Der Tod muss nicht das Ende sein
Flo

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