Die Aaskrone

Brief an den Vater IV – oder: Von den Toten zurück

Vater, viel ist schon wieder geschehen, seit ich dir das letzte Mal schrieb. Ich war kurz davor, an deine Tür zu klopfen, aber scheinbar hat mein Schicksal – oder ist es nicht eher der Wille meiner Gefährten und insbesondere dieses kauzigen Artors – noch mehr mit mir vor, bis wir uns wiedersehen können. Doch dann, so befürchte ich, wirst du mich gar nicht wiedererkennen. Aber ich erzähle dir am besten der Reihe nach, was geschehen ist.
Nachdem wir auf den Spuren des Vampirmörders von Caliphas waren – nicht, dass du denkst, wir würden nun Vampiren helfen – um als Gegenleistung Informationen zum Wispernden Pfad zu erlangen, stießen wir auf die Machenschaften des Schneiders und Vampirs Radvir Theordin. Dieser war für die Vampirmorde verantwortlich, auch wenn wir zunächst nicht wussten, warum er seinesgleichen bekämpfte. Nachdem wir uns einen gewaltigen Kampf mit ihm und seinen Schergen geliefert hatten, war nicht mehr viel im Haus des Schneiders zu erledigen. Unsere Vermutung war richtig, der majestätische steinerne Sarg hinter der Geheimtür gehörte dem Schneider. Als dieser sich mit seinem Tod in seine gasförmige Gestalt verwandelte, wartete Artor bereits unten auf ihn und machte ihm den Gar aus. Um seiner Rache Genüge zu tun, durfte Quinley mit einem geübten Hieb dem Schneider das Wiedererscheinen in dieser Welt vollends verwehren. Da wir mit dem Verschwinden des Körpers des toten-untoten Vampirs nun keinen „Beweis“ mehr hatten – und auch unser letzter gefangener Vampir nach Entfernen des Pflocks verschwand – suchten wir eifrig im ganzen Haus und wurden schließlich im Keller fündig – mehr als fündig muss man wohl sagen. Der Schneider hatte über seine Pläne und Kontaktpersonen bis ins kleinste Detail Buch geführt. Demnach hatte er im Auftrag Adivion Adrisants und des Wispernden Pfads gearbeitet. Er hat geholfen, die Rückkehr des Wispernden Tyranns vorzubereiten. Zwei Hexen, Aisa und Hedna Dublese, die in der ehemaligen iomedaischen Abtei der Heiligen Lynerien ihr Unwesen treiben, lieferten dem Schneider Blutbräu im Austausch gegen Vampirleichen. Das Blutbräu war es, das das Verhalten der Vampirbrut so seltsam gemacht hat. Die Hexen brauchen die Vampirleichen, um einen Trank herzustellen, der einen Menschen in einen Leichnam verwandeln würde, welcher eben für die Wiedererweckung des Wispernden Tyranns notwendig ist. Soweit zumindest habe ich die Pläne des Wispernden Pfads und seiner Knechte verstanden.
Als wir mit unseren Funden den Anführer der Vampire aufsuchten, hatte er tatsächlich bereits von dem uns entkommenen Vampir erfahren, was passiert war. Nach etwas Säbelgerassel – du musst wissen, es war eine Höchstanstrengung von Remeny, unserem Paladin, nicht in einem Amoklauf alle Vampire zu erlegen – erhielten wir noch eine weitere Information zum Wispernden Pfad: ihre Rückzugsbasis liegt in Renkirch in den Hungerbergen, nicht fern vom Startpunkt unserer Reise in Ravengro. Außerdem lieferte uns der Vampiranführer den gefangengehaltenen Nosferatu namens Ramoska Argminos aus, der jedoch mit einem Dank und dem Versprechen – sofern man ihm Glauben schenken kann – uns aufzusuchen, sollte er mehr in Erfahrung bringen, uns in der Form eines Rattenschwarms entwischte.
Auf Drängen Quinleys – aber auch zum Glücke Remenys – machten wir uns noch am selben Tag auf zum gefallenen Kloster der Iomedae und den beiden Hexen. Das ehemalige Kloster, das heute als Weingut genutzt wird, lag einsam vor uns und wir erkundeten zunächst ein vorgelagertes Gebäude, das wir als Stützpunkt und zum Unterstellen der Pferde verwenden wollten. Wie ich herausfand, war dies das Weinlager. Neugierig wie ich bin, musste ich den Wein probieren. Ob meine Unvorsichtigkeit das Erscheinen von drei Weingeistern verursacht hatte, oder ob sie uns bereits allein aufgrund unseres Eindringens in ihr Territorium angegriffen hätten, vermag ich nicht sagen. Zumindest haben wir alle sie wohl ein wenig unterschätzt. Meine Pfeile trafen zwar recht gut, aber dies führte auch dazu, dass sie mit vereinten Kräften mich attackierten… Nachdem ich eine der geisterhaften Gestalten erlegt hatte, sank ich schließlich blutend zu Boden und spürte, wie ich mich mit einer ungeahnten Sehnsucht in Richtung einer Tür bewegte, hinter der ich dich vermutete. Doch bevor ich ankam – die Tür schien sich im gleichen Maße fortzubewegen, wie ich auf sie zueilte – zog von Rückwärts eine noch stärkere Macht, sodass ich schließlich nachgab. Das nächste, an das ich mich entsinne ist, dass ich splitter-faser-nackt des Nachts auf einer Lichtung im Wald aufwachte und meine Gefährten mich entgeistert anschauten – nun nicht alle, Artor schaute recht wissend. Und wie ich in Erfahrung brachte, war er für den ganzen Spuk verantwortlich. Remeny und Feo fremdelten anfangs noch mit meinem neuen Erscheinungsbild, ohne Narbe und mit feuerroten Haaren, doch Mynx macht sich scheinbar nicht so viel aus Äußerlichkeiten.
Auch ich muss mich langsam an meinen neuen Körper gewöhnen. Als wir anschließend wieder ins Kloster eindrangen und dort von einer Horde besessener Wachen und zu allem Übel einem Dämon angegriffen wurden, hatte ich noch etwas Probleme, mit Pfeil und Bogen umzugehen. Wieder war es knapp und ich dachte schon, ich hätte die Chance nutzen sollen, meinen Gefährten einzubläuen, dass man keinen Schabernack mit den Toten treibt, doch schließlich konnten wir den Dämon bezwingen.
Vater, ich weiß noch nicht, ob ich traurig oder glücklich darüber sein soll, noch eine Chance bekommen zu haben. Es gibt wahrlich noch viel hier zu tun, das Wiedererscheinen des Wispernden Tyranns zu verhindern und seinen Jüngern das Handwerk zu legen … schließlich bist ja auch du ein Opfer des Wispernden Pfads und ich dürste immer noch Rache. Trotzdem wäre ich gerne wieder mit dir vereint gewesen …

Comments

“Das nächste, an das ich mich entsinne ist, dass ich splitter-faser-nackt des Nachts auf einer Lichtung im Wald aufwachte…”
So wie es der Zauber verlangt! Wobei Remeny das Ritual um ein haar noch zerstört hätte, indem er seinen Mantel über das Werk deckte….

Nuuri

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